Sonntag, 28. April 2019

Kann ich das schaffen? ...

... eine Tagestour von gut 700 Kilometer Länge!

April 2019


Diesen einen Passknackerpunkt im Nordwesten Belgiens - auf dem Kemmelberg - würde ich mir schon gerne holen. Von mir aus sind das rund 300 Kilometer - immer westlich - schon fast bis Dünkirchen an der Kanalküste. Noch ein paar Nachweispunkte aus Frankreichs Norden - dann geht's wieder nach Hause. Natürlich nicht ohne noch ein paar entlegene Pässe aus Belgien mitzunehmen, so dass heute 8 Länderpunkte zu den 5 vom letzten Mal dazukommen. Das werden heute gut 700 km für diese Tagestour werden.
Ist ja ein bisschen verrückt, aber ich werde den Gedanken an diese Tour einfach nicht mehr los.

Es ist Samstag, ein wunderschöner Frühlingsmorgen. Ich breche um 9:00 Uhr auf und nehme die A46 in Richtung Maastricht. Über mein heutiges Ziel habe ich bisher noch mit niemandem gesprochen - ich weiß ja noch nicht einmal, ob ich die ganze Strecke durchhalte, oder mir mit Hilfe von Booking eine Unterkunft zur Übernachtung suchen muss.
Über Sittard in den Niederlanden geht es Richtung Maastricht, dann über die Maas nach Belgien -  Antwerpen ist das nächste Ziel der Reise.


Einer von fünf Grenzübergängen auf der heutigen Tour

Die Autobahn in Richtung Antwerpen ist heute wenig befahren, der Straßenbelag, bis auf wenige Ausnahmen, 1A.
Alle paar Kilometer fällt mir ein Plakat am Rande der Autobahn auf: KIJKEN KIJKEN om elke motorrijder te zien. Er handelt sich um eine Kampagne der belgischen Polizei: "Achte auf Motorradfahrer"


Alle paar Kilometer in Richtung Antwerpen - Achte auf Motorradfahrer - das ist doch mal ein Hinweis!

Fast jeder hält sich an die Tempobegrenzung von 120 km/h. Niemand drängelt und so verfliegt die Zeit entspannt und wie im Flug. Antwerpen, Gent und Kortriyk ziehen an mir vorbei und ehe ich mich versehe, habe ich auch schon die Ausfahrt Ypern erreicht.


Ypern - Original leper

Das hat jetzt schon mal super geklappt. Knapp 300 km in 3 Stunden am Stück - nur jetzt muss eine Tankstelle her. TomTom kennt sich hier aus und einige hundert Meter weiter stehe ich vor einer Automaten-Tankstelle. Kein Problem - dank MasterCard und Pin läuft der Sprit in den Tank meiner "X".
Die Ohrstöpsel können jetzt raus - auf der Autobahn waren sie doch recht angenehm.
Unangenehm war dagegen die Spiegelung, die die neongelbe Warnweste auf das TomTom-Display wirft - da muss ich noch mal schauen.
Von Ypern bis zum Kemmelberg sind es nur knapp 15 Minuten durch eine leicht hügelige, landschaftlich reizvolle Gegend.


Leicht hügliges Ackerland

Immer wieder sehe ich Soldatenfriedhöfe am Wegesrand - die weißen Kreuze leuchten hell in der Frühlingssonne.
Im "Großen Krieg" 1914-1918 war die Region um "Ypern" stark umkämpft - Menschen haben hier schlimmes erlebt.


Soldatenfriedhöfe

... überall am Wegesrand

Gleich bin ich am ersten meiner heutigen Ziele. Als ich am Kemmelberg um die Kurve biege, blühen dort unzählige hellblaue Blumen am Berghang.


Mahnmal am Kemmelberg

Das sind ja Hasenglöckchen, so wie bei uns in Hückelhoven / Doveren im "Wald der blauen Blumen". Das ist ja mal eine Überraschung!


Hasenglöckchen (Hückelhoven / Doveren)

Weiter geht's, den bis zu 23% steilen, mit Kopfstein gepflasterten Weg, den "Kemmelberg" hinauf. Am Gasthaus Belvedere vorbei erreiche ich den Scheitelpunkt bei bescheidenen 159 m Höhe - immerhin die höchste Erhebung der Provinz Westflandern.


Belvedere am Kemmelberg

Am Gipfel des Kemmelberg

Hostellerie am Kemmelberg

Mahnmal des "Großen Krieges"

Grabmal ...

... französischer Soldaten

Weiter führt mich TomTom zum nächsten Kontrollpunkt am "Mont Noir". Der französische Pass liegt, auf 152 Metern, nur wenige hundert Meter hinter der belgischen Grenze. Auf der belgischen Seite ist so richtig was los - kleiner Grenzverkehr mit günstigen Preisen für Konsumartikel, Gastronomie und Sprit.


Landschaftliche Idylle

TomTom führt mich auf schmalen Wegen

Grenze zu Frankreich

Département du Nord

Am Mont "Noir"

Es folgt der "Mont des Cats" - eine 164 m hohe Erhebung im Norden Frankreichs.


Der "Mont" kündigt sich an

Da habe ich meinem Navigator wohl nicht richtig zugehört. Anstatt "In 200 m rechts ab" biege ich sofort rechts ab. Bis ich merke, dass dies nur ein steiler, schmaler Waldweg ist, stecke ich schon in der Falle. Zurückrollen scheint auf dem Laub bedeckten Boden nicht ratsam, lieber weiter den Berg hinauf. Dann geht es definitiv nicht weiter, vor mir eine Absperrung, die ich nie und nimmer mit meiner "X" passieren kann. Aber links gibt es ein hölzernes Gartentörchen mit einem sehr kleinen, aber ebenen Platz davor. Wenden in sieben Zügen - dann rolle ich erleichtert den Waldweg hinunter. Den Jogger, der mir gerade jetzt entgegenkommt, grüße ich ganz locker - den Schweiß auf meiner Stirn kann er sicherlich nicht sehen.


Es wird schmal

Hinter der Biegung ist "Ende Gelände"

Der rechte Weg

Am "Gipfelkreuz" angekommen, gibt's erst einmal eine Pause - die brauche ich jetzt aber auch.
Der Platz unter dem Kreuz strahlt eine angenehme Ruhe aus. Neben mir ist auch ein französisches Paar mit seinem Mittagspicknick beschäftigt - leider bringen wir, außer bonjour und au revoir, sprachlich nichts gemeinsames zustande - ich spreche kein Französisch - sie kein Deutsch. Aber mit Gesten und Lachen klappt es auch ganz schön.


Am "Mont des Cats"

Ein schöner, ruhiger Platz

Hoch hinaus

In dieser Gegend ist nicht viel los. Die Orte, durch die ich fahre, liegen friedlich in der Mittagssonne. Hier gibt es noch Leute, die vor der Haustüre sitzen. Die Kirchen, mit ihren gedrungenen Türmen, wirken stark und kräftig. Hin und wieder "verirren" sich auch andere Biker hierher und grüße freundlich.


Stark und Kräftig

Biker grüßen freundlich

Vom Mont des Cats zum Mont-Saint-Aubert sind es rund 70 km über die A25/E42. Es geht an Lille vorbei bis nach Tournai in Belgien.


Tolle Auswahl - Paris - Brüssel - Lille

Für das Passfoto am "Mont-Saint-Aubert" verlasse ich kurz die Autobahn und fahre den Berg hinauf. Oben habe ich die Wahl zwischen der Kirche oder dem Denkmal - ich mag beide Motive.


Kain und ...

Schöne Anwesen ...

... einer früheren Zeit

Für mich gibt es heute keine Sperrungen

Am Mont-Saint-Aubert

Kirche Saint-Aubert

Patrie - Liberte

Noch einmal 70 km auf der E42, dann geht es zu einer besonderen touristischen Attraktion - außerhalb meiner Passknacker-Mission.
Das Schiffshebewerk "Strépy-Thieu" wollte ich schon seit Jahren einmal sehen. Zweimal hatte ich es auch schon in meine Tourenplanung übernommen, aber wegen der großen Entfernung wieder herausgenommen.
Aber heute liegt das beeindruckende Gebäude, das zu den größten Schiffshebewerken der Welt gezählt wird, einfach so auf meiner Strecke.


Hinweisschild Strépy-Thieu

Bei Houdeng verlasse ich die E42 und sehe schon bald das große, futuristische Gebäude neben mir liegen.


Futuristisch

Das 113 Meter lange und 117 Meter hohe Hebewerk "Strépy-Thieu"  befördert Schiffe, mit seinen beiden 100 Meter langen Trögen, über eine Höhendifferenz von 73 Metern.


Die Elektromotoren surren - Der Trog links fährt hinunter und der andere hinauf

Gerade, als ich den Helm abziehe, starten die Elektromotoren des Schiffshebewerks und der linke Trog senkt sich langsam hinunter. Gerade mal 7 Minuten dauert dieser Vorgang, dann können die Schiffe - 73 Meter tiefer - mit der Ausfahrt beginnen. Das Ganze ist eine technische Meisterleistung. Die 112 Meter langen, 12 Meter breiten und 8 Meter tiefen Tröge hängen jeweils an 144 Stahlseilen - 112 führen zu den Gegengewichten, 32 Seile übernehmen den Antrieb.

Schiffsbahnhof

Breite 81 Meter

Auf meiner anschließenden Fahrt entlang des "Canal du Centre" treffe ich auch noch auf das Hebewerk Nr. 1 der alten Bauart. Das hat schon was!


Verbindung des Scheldebeckens mit den Flussläufen der Maas und der Nordsee

Es geht durch Houdeng

Die Eisenkonstruktion der hydraulischen Schiffshebewerke strömt die Ästhetik historischer Industriemonumente aus. Der silberfarbene Anstrich setzt sich wundervoll von den roten Backsteingebäuden und dem grünen Hintergrund der Landschaft ab.

Silberfarben vor grünem Hintergrund

Hebewerk Nr. 1 der historischen Bauart

Weltkulturerbe - die "X" am industriellen Monument "Hebewerk Nr. 1"

In Sart-Saint-Laurent tanke ich meine "X" vorsichtshalber wieder auf - noch 200 km bis zu Hause - da bin ich auf der sicheren Seite.
Gut 70 km vom Hebewerk Nr. 1 entfernt nähere ich mich einem besonderen "Point de Vue" in den Ardennen. Südlich von Namur liegt  auf 257 m die angesagte Location "Les 7 Meuses". Von hier oben hat man einen wunderschönen 180° Panoramablick auf das Tal und die Windungen der Maas.


Rechts geht's hoch zum Les 7 Meuses

Les 7 Meuses - ohne Reservierung geht da kaum mal was

Der Parkplatz und das Restaurant sind - wie erwartet - überbelegt. Macht aber nichts, ich bevorzuge den Platz am Ende des Parkplatzes mit zwei Tischen und zugehörigen Sitzgelegenheiten. Ich packe meine letzten Butterbrote und meinen Coffee To Go, im Thermos-Becher, aus und genieße die Aussicht. Was für ein schöner Tag!

Platz mit Tisch und Sitzgelegenheit

180° Panoramablick auf die Windungen der Maas

Was für ein schöner Tag

Der nächste Punkt - "Mont-Godinne" - liegt auf der anderen Maasseite, nur 15 Minuten entfernt und ist schnell erledigt.


Mont Godinne

Weitere 30 Minuten später ist auch der Kontrollpunkt "Bergerie de Ruisseau" Geschichte - einen habe ich jetzt noch für heute.


Wasserturm mit Türmchen

Bergerie de Ruisseau

Auf der E25 fahre ich - von oben herunter und mit tollem Blick auf die Stadt - durch Lüttich, durch den Tunnel de Kinkempois und an der Ourte und Vesdre entlang zum "Col de Béole". Auftrag erledigt.
Jetzt noch über Fleron und Soumagne zur E42 und eine Stunde später bin ich wieder zu Hause.


Durch den Tunnel

Col de Beole

"Passschild"

Kann ich das schaffen? ... Eine Tagestour von gut 700 Kilometern.

Ja, das hat geklappt - und zwar richtig gut - was natürlich an den richtigen Bedingungen lag. Das richtige Verhältnis von Autobahn und Landstraße, die Anzahl und Länge der Pausen, die aktuelle Kondition und natürlich das tolle Wetter haben mir diese Tour zu einem ganz besonderen Erlebnis gemacht. Bei ähnlichen Bedingungen könnte ich mir sogar noch etwas mehr vorstellen.
Passknackerreisen - entspanntes Reisen.

Tourlänge: 720 km
Autobahn: 520 km
On Tour: 10:30 h
In Bewegung: 08:26 h
Temperatur: 22°C
Stopps: 12


Erstellt mit Tyre und OpenStreetMaps

720 km - heute kein Problem

8 von 75 Passknacker-Orten in Belgien habe ich heute besucht, darunter auch der am weitesten entferne am Kemmelberg. Das sind jetzt 13 Nachweise auf zwei Touren, fünf weitere werden, bis zum Saison-Ende, die Länderwertung für Belgien komplettieren.

4 Plätze im Ranking verloren
Interessant - Motorradfahren erhöht doch deutlich die Herzfrequenz


Viel Spaß & tolle Touren
wünscht HerBert

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