Sonntag, 20. Juli 2014

Die Blechdosensammlerin


Juli 2014 - Hesbaye Insolite – Der ungewöhnliche Hespengau





Das außergewöhnliche Museum der lithografierten Weißblechdosen

Gibt es eigentlich gute Gründe, eine Motorradtour bei nassen Straßen zu starten und bei der Aussicht auf noch mehr Regen auch zu fahren?
Zum Einen braucht man natürlich (relativ) wasserabweisende  Kleidung, ein wasserdichtes Navi, ein lohnenswertes Ziel, dass sich aus den verschiedensten Gründen auf keinen anderen Termin verschieben lässt und ein paar Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die sich auf keinen Fall von dieser Tour, die schon so lange geplant ist, abbringen lassen.


Dann kann auch eine Regentour ein voller Erfolg sein!

Um 6 Uhr der Blick aus dem Fenster – wie schon vorhergesagt sind die Straßen nass. Und die Wetterprognosen für unser Zielgebiet um Liège sehen leider auch mehr schlecht als recht aus.

Also schweren Herzens die Tour im Netz abgesagt und auch noch eine Absage-WhatsApp und - SMS hinterhergeschickt.

Kurz darauf kommen auch schon die ersten „Proteste“.

„Hier in Erkelenz ist alles trocken!“

„0,8mm Niederschlag – das ist doch gar nichts!“

„Bei dem Schauer um 14 Uhr sind wir ja sowieso schon bei Madame!“

Und überhaupt:

„Wir haben schon so manche Tour bei schlechten Prognosen gestartet – und immer waren sie schön!“

Ok, schon überredet – ich bin um 9 Uhr mit dem Bike beim McD in Erkelenz - schreibe ich noch schnell ins Internet und schicke wieder WA&SMS an alle Teilnehmer.

Jetzt ist die Zeit aber schon knapp und ich muss mich beeilen.
Das Frühstück mit meiner Frau fällt deshalb leider etwas kurz aus, tschüss Schatz – dann geht’s aber los.


Den Regen muss ich wohl nach Erkelenz mitgebracht haben. Denn als so nach und nach die Truppe anrollt regnet‘s hier nun auch.

Von den ursprünglich 9 Bikes sind noch 6 am Start – Heikes Bike ist wegen einer defekten Batterie leider nicht angesprungen, Uli ist das Wetter zu ungemütlich und Rainer hat leider meine „Wir fahren doch“ Nachrichten zu spät gelesen.


Über die Verwendung von Regenkombis existieren ja die unterschiedlichsten Legenden wie z.B.:

Brauchst du nicht, der Regen hört sowieso gleich auf

oder

Ich hatte letztens die Regenkleidung angezogen – da hat‘s dann den ganzen Tag nicht geregnet

oder

Bloß nicht anziehen, dann regnet‘s gleich ganz bestimmt.


Egal, Helmut und ich ziehen die Regenkombi einfach schon mal an. Christine, Günter und Thomas vertrauen auf die Membrane ihrer Textil- Kleidung und Birgit möchte erst mal wissen, ob ihre neue Gore-Tex-Hose auch wirklich wasserdicht ist. Heute fährt ThomasK als einziger in Lederkleidung – da soll das sagenhafte „Bienenwachs“- Pflegemittel für die Dichtigkeit sorgen.


Vorweg gesagt haben Christine und ThomasK dann später noch zur Regenkombi gegriffen und bei mir gab‘s auf den letzten Kilometern, kurz vor zu Hause, bei „Starkregen“ noch einen Wassereinbruch im linken Stiefel. Dem kann ich nun leider nicht mehr vertrauen.


Mal Regen, mal kein Regen – nach einer Stunde erreichen wir unseren ersten Stopp an der „Gileppe-Talsperre" hinter Eupen.


Für einen kurzen Stopp stellen wir unsere Bikes auf die „Extra-für-Bikes“ Parkbuchten, verpflegen uns aus unseren Topcases und wer möchte kann sich mit dem Aufzug zum Aussichtsrestaurant mit WC „hinaufkatapultieren“ lassen.


Wer bei einer anderen Gelegenheit ein wenig Zeit mitbringt, sollte auch mit dem Aufzug hinunter zur Staumauer fahren. Nur als Fußgänger gelangt man zum gewaltigen Löwen aus belgischem Sandstein, der mit grimmigem und abwehrendem Blick gen Osten schaut, hinüber zum Reich der Preußen.



Eine weitere Fahrstunde später erreichen wir "Amay" an der Maas.

















Direkt vor der sehenswerten Stiftskirche stellen wir unsere Bikes ab















und lassen uns im Café „Les Varietes“ den ersten Café au lait“ des Tages schmecken.

















Die Gegend um Amay ist uns bisher noch unbekannt. Hier ist das „Condroz“ und die Kornkammer Belgiens.
Nicht unbedingt reizvoll für Biker, die doch immer „nur“ Kurven, Steigungen und den Nervenkitzel suchen.
Deshalb gehört zur Tour auch noch der eine & andere HotSpot dazu.
 


Auf Tour in der belgischen Provinz Lüttich, mit weiten Landschaftsbildern, vorbei an alten Dörfern mit altertümlichem Charme


Keine tiefen Wälder, keine wilden Flüsse und auch keine scharfen Kurven.


Dafür Goldweizen soweit das Auge reicht, ein außergewöhnliches Schloss im Schachbrettmuster und die bemerkenswerte Madame Yvette Dardenne mit ihrer grandiosen Sammlung von lithografierten Weißblechdosen und  - als Kontrast zur lieblichen, natürlichen Landschaft des Condroz - die gewaltigen Industrieanlagen vor Lüttich.


Rundum ländliche Idylle

In der Provinz Lüttich, in der Nähe des Maastals, erstrecken sich die sanften Höhenrücken des Hespengau.


Seine Landschaft ist nur leicht hügelig und besitzt einen der fruchtbarsten Böden Europas.


Hier leuchtet das Gelb über einer entzückenden Landschaft, dem Land des Goldweizens.

Die historischen Gebäude sind beeindruckend. Das wundervolle Schloss von Jehay, mit seiner auffälligen Fassade im Schachbrettmuster, die Stiftskirche und der historische Kern von Amay, die Bauernhöfe und die zahlreichen charakteristischen Dörfer des Hespengau.


Die großen, meist in Vierkantanlage gebauten Bauernhöfe sind sehr alt, meist wurden sie schon im Mittelalter erbaut.


 














Die Tour in den „Ungewöhnlichen Hespengau“ ist ein Ausflug in schöne, ruhige Landschaften, in das Herz und die Seele der ursprünglichen Natur der Provinz Lüttich.

Hier folgen wir zum Teil den sechseckigen Hinweisschildern der Route “Hesbaye Insolite“, die speziell für die motorisierte Erkundung des Condroz ausgeschildert ist.



Nach beschaulichen 100 Kilometern durch die altertümliche Landschaft, wird uns dann der Rückweg den krassen Gegensatz zeigen - Die großen Industrieanlagen an der Maas bei Lüttich.


Es ist nicht weit von Amay bis zum "Chateau de Jehay". Ich glaube, es ist das schönste Wasserschloss, das ich bisher gesehen habe. Die einzigartige Fassade im Schachbrettmuster ist schon sehr beeindruckend.
















Damit Birgit genügend Zeit hat ihre Bilder zu schießen umrunden wir das tolle Schloss im Schritttempo, immer zwischen den vielen Besuchern rumkurvend, die heute zur Besichtigung angereist sind.



Das außergewöhnliche Museum der lithografierten Weißblechdosen


Pünktlich um 14 Uhr biegen wir in Grand-Hallet auf die Route du Condroz ein. Im nun wieder einsetzenden Regen kommen uns auf dem schmalen Sträßchen mehrere Wanderinnen und Wanderer in Regenkleidung entgegen. Gut gelaunt winken sie uns zu und grüßen mit freundlichem „Bonjour“.

Gleich darauf stehen drei Damen mit Regenschirmen vor einem historischen Gebäude am Wegesrand. Hier sind wir richtig.


Überaus freundlich werden wir von Madame Dardenne und ihren Begleiterinnen begrüßt und zum Stellplatz für unsere Bikes begleitet.

Für sie ist es natürlich interessant zu erfahren, wie wir in Deutschland von ihr erfahren haben. Sie freut sich zu hören , dass wir durch die interessanten Beiträge von Rolf Minderjahn in der Aachener Zeitung auch auf ihre außergewöhnliche Sammlung aufmerksam geworden sind.


Nun geht es aber los.


Während die Hausherrin sich schon einmal um den anschließenden Kaffee und Kuchen kümmert, führen uns ihre Begleiterinnen durch eine beeindruckende Sammlung, die uns bis in das 19. Jahrhundert der lithographierten Blechdosen zurückführt.















Viele interessante Informationen über das Alter, die Herkunft und die ehemalige Verwendung der wunderschönen alten Dosen bekommen wir von beiden Damen.















In einer schönen Mischung aus französischer und deutscher Erklärung erfahren wir eine Menge interessanter Einzelheiten zu den ausgestellten Exemplaren.

Über die Vielfalt und die Menge des außergewöhnlichen Privatmuseums kann man nur staunen.

Nicht nur das Privathaus, sondern gleich mehrere Gebäude des weitläufigen Anwesens sind Teil dieser Sammlung.
















Auf dem Weg zu den einzelnen Ausstellungsgebäuden begegnen wir dann auch noch außergewöhnlichen Tieren und schönen Pflanzen in der parkähnlichen Anlage.






















Was es hier alles zu entdecken gibt, muss man einfach gesehen haben.
















Angefangen hat alles mit einer Schokoladendose aus den 1950er Jahren, die eine Tante ihr zum Geschenk gemacht hatte.
















Heute sind hier mehr als 57.000 Dosen aus Weißblech mit Lithographie-Druck aus aller Welt und mit hunderten verschiedener Themen. Alles liebevoll zusammengestellt.

Auch der Schokoladenhersteller Stollwerk aus Köln ist hier mit einigen seiner schönen Blechdosen vertreten.

Bereits 1993 war Madame Yvette Dardenne mit ihren Exponaten im Guinnessbuch der Rekorde vertreten, damals noch mit 16.452 Exemplaren.

Für den Besuch sollte man schon etwas Zeit einplanen, denn es gibt viel zu sehen und zu erzählen. Schließlich wächst die Sammlung schon seit 23 Jahren unablässig. Das ist bei Ihr so eine Art von Droge.

 














Bei geprägten und bedruckten Weißblechdosen sind der Ausführung und der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Ob Perlmutt-, Ebenholz- oder Leder- Nachbildung, alles wurde in mühevoller Handarbeit gefertigt.

 














Das sind nicht nur einfach Gegenstände, sondern Werke und Schätze, die man bestaunen und berühren möchte.

Und auch schon frühes Marketing steckte in der Idee mit den Dosen. Wer zum Beispiel eine schöne Dose in der Form einer Kaminvase geschenkt bekommen hatte, der wollte doch gerne eine zweite auf die andere Seite des Kamins stellen.
Oder was nutzte ein einzelner Burgturm mit einem Stück Mauer dem kleinen Jungen, wenn da nicht noch mehrere dazu kamen, bis die Burg dann endlich fertig war - Der Inhalt wurde da leicht zur Nebensache.
Was alles als Aufbewahrungsdose diente und dient, ist schon bemerkenswert. Autos, Lokomotiven, Zeppeline, Schiffsmodelle, Figuren, Tiere, Kutschen, Kinderwagen, Spielzeug aller Art…


Der Höhepunkt der Ausstellung ist dann in der mehrere Jahrhunderte alten Mühle untergebracht.

Von einer Empore aus blickt man auf eine gigantische Sammlung von unzähligen bunten Blechdosen, die durch indirekte und direkte Beleuchtung angestrahlt werden, die unweigerlich einen Ausruf des Erstaunens hervorruft.

Da die wachsende Sammlung so nach und nach alle Wohngebäude in Beschlag genommen hatte, baute Madame Dardennes Mann, der leider vor fünf Jahren verstorben ist, ein neues Wohnhaus auf dem Anwesen, dass für immer eine "Dosenfreie Zone" sein sollte. So der Plan.


Da aber immer noch neue Blechdosen aus aller Welt bei Yvette Dardenne eintreffen, breiten sich auch hier die Dosen aus.
Sie sind einfach nicht aufzuhalten ;-)

Gegenüber der eigenen Wassermühle läd Madame Dardenne uns zum Abschluss unseres Besuchs noch zu Kaffee und Kuchen in ihre gemütliche Gaststube ein.

Hier und Draußen im Grünen – im Moment strahlt die Sonne vom blauen Himmel - werden wir sehr freundlich und reichlich mit Kaffee und tollen Kuchen versorgt – und für unsere Sozia Birgit gibt es auch noch ein großes „Blond“ aus der Abtei-Brauerei Leffe in Dinant.

Gruppenbild mit Madame Yvette Dardenne
Ein perfekter Tag – Schöner kann es kaum sein


Nun ist es Zeit wieder loszufahren, eine schöne Strecke liegt noch vor uns. Als wir dann losrollen, stehen einige freundliche Menschen am Wegrand und winken uns ein fröhliches „Au revoir“ und „Bon route“ zu.

Wer sich auch einmal dieses außergewöhnliche Museum der lithografierten Weißblechdosen - nach Vereinbarung - ansehen möchte, der wendet sich bitte per Telefon an:

Yvette Dardenne
Rue du Condroz, 3-8
B - 4280 Grand Hallet (Hannut)
Tel. +32(0)19 63 43 92


Wir haben wieder die Maas erreicht.

Große Industrieanlagen erstrecken sich hier im Umkreis von Lüttich.

Hier ballt sich die Lütticher Schwerindustrie entlang der Maas.

Sehr beeindruckend, wenn auch auf eine völlig andere Art, begegnen uns die nun endgültig stillgelegten Hochöfen von „Cockerill-Sambre“
Seit 2011schicken sie aber keine funkenden und lodernden Feuer mehr in den Abendhimmel, wie ich es hier noch vor einigen Jahren eindrucksvoll erlebt habe.


Nur das Tankproblem nicht vergessen.
An Wochenenden findet man kaum eine geöffnete Tankstelle in Belgien. Zwar geht einiges mit der EC-Karte, aber leider nicht überall. Auch in großen Städten wie Lüttich muss man sofort zugreifen, wenn man eine große Tankstelle sieht, die, wegen ihres Shops, geöffnet hat.
Man sollte aber darauf vorbereitet sein, dass man sich die Nummer seiner Zapfsäule merkt, zur Kasse geht und den voraussichtlichen Tankbetrag vorbezahlt. Zu viel gezahltes Geld bekommt man natürlich zurück, wenn nicht alles Benzin in den Tank passt.Nur so kann man wohl dem Benzindiebstahl beikommen.


Durch Verviers hindurch, immer an der Vestre entlang bis nach Membach, zu einem letzten Stopp vor der A44, die uns dann zügig nach Hause trägt.


Fast pünktlich, um 19:45 sind wir, nach 378 tollen Kilometern, in Hückelhoven-Baal am Ende unserer Fahrt in den „Ungewöhnlichen Hespengau“  angekommen.

Zeit genug um uns noch auf das Fußball-Endspiel zwischen unserer Mannschaft und Argentinien vorzubereiten.
In Belgien war man sicher, dass die deutsche Mannschaft den Weltmeistertitel holt :-)

Fazit:
Eine tolle Tour, für jeden Biker geeignet, der genügend Kondition für eine Tour dieser Länge hat.

Danke an Birgit & Thomas, Christine & Günter, Helmut und ThomasK, die mich auf meiner langjährigen „Wunschtour“ begleitet haben.

Danke auch an Heike, Uli und Rainer, die, wenn die Maschine angesprungen wäre (Heike), das Wetter besser gewesen wäre (Uli) und wenn die Kommunikation besser geklappt hätte (Rainer) mit dabei gewesen wären.

Bei der Anmeldung war mir Birgit eine große Hilfe. Durch ihre Französischkenntnisse hat die komplette Verständigung, von der Anmeldung bis hin zu allen Fragen an uns, hervorragend geklappt. Danke nochmal dafür und wieder einmal für deine tollen Bilder ;-)

Danke an Thomas, der mich mal wieder „wettertechnisch“ zu einer Tour überreden musste ;-) Das hast du gut gemacht!
Ab der nächsten Tour dann bitte als unser "WetterGuide" ;-) 




Kommentare:

  1. Mensch, Herbert! Ist doch eine klasse Tour geworden. Wir sind auch schon bei Sch... Wetter losgefahren und es ist dann besser geworden oder es gab wenigstens Trockenpausen. Manchmal muss man eben auf sein Glück vertrauen und positiv denken.

    AntwortenLöschen
  2. Ja Sonja, Regentouren können auch klasse sein. Das sieht man an deinen „Regenbildern“. Da steckt schon eine gewisse Faszination drin. Und dazu noch „Adrenalin bis in die Haarspitzen“ – da wird jede Kurve und jeder Kreisverkehr zur Herausforderung ;-)

    AntwortenLöschen